"Could it think, the heart would stop beating". Own Records aus Luxemburg: ein Portrait.

Für Do-It-Yourself- (kurz: DIY-) Labels ist es in der heutigen Musikwelt nicht mehr so einfach wie früher, wo es auch schon nicht so einfach war. Idealismus ist längst nicht mehr alles; von den Verkäufen zu leben nicht leicht, wenn man nicht mindestens ein großes Zugpferd im Stall hat. Machen wir uns nichts vor. Was aber ebenfalls nicht abzustreiten ist, ist der Fakt, dass man immer wieder neue, kleine Labels entdeckt, die auf Qualität statt auf Quantität setzen; die Wert legen auf Musik als Kunst statt auf Musik als Produkt; die kleine, feine Bands oder Künstler unter Vertrag nehmen und so dafür sorgen, dass deren Töne durchsickern statt ungehört zu bleiben. Es hat den Vorteil eines Arbeitens, dass sich an Konventionen nicht zu orientieren braucht. Es hat den Charme des Kleinen, des Unbeeinträchtigten. Und der Musikhörer bekommt Anreiz um Anreiz, sich ausgiebig auf Schatzsuche zu begeben.

Eines dieser kleinen Labels, das zu entdecken sich über die Maße gelohnt hat, ist Own Records aus Luxemburg. Schon in einigen Rezensionen riefen wir von Nillson Own Records als Lieblingslabel 2009 aus, und das völlig zurecht. Was hier bisher für Releases von Bands und Projekten wie Squares On Both Sides, den Trouble Books, Talons oder den Firekites allein in diesem Jahr den Weg in unsere Ohren und Herzen angetreten haben, ist eine Blaupause für perfekten Indiepop: zwischen reduziertem Folk und elektrischen Spielereien bekommt der musikalische Schöngeist hier so ziemlich alles geboten, was das Herz und der Kopf begehren. Und es verortet die Stadt Esch-sur-Alzette, ja überhaupt unseren Nachbarn Luxemburg, auf der Musikweltkarte. Dort, im selbsternannten „Liverpool von Luxemburg“, gründeten im Jahr 2000 sechs Musiker das Label, um nationalen Bands die Chance zu bieten, angehört zu werden. Die Musik, die ihnen vorschwebte – warme Elektronik, Indie-Rock, Folk – fand in Luxemburg an sich nur wenig öffentliches Interesse, was Motivation genug war, Own Records aus der Taufe zu heben. Einer von ihnen, Hélio Camacho, war schon vorher durch das Webzine Matamore ein Begriff in der Szene. Das ganze lief recht ordentlich, bis sich im Jahr 2004 die Chance bot, eine Band unter Vertrag zu nehmen, die auch international ihren Namen hatte. Durch das Signing Gregor Samsas erlebte Own Records eine Art kleinen Durchbruch; andere renommierte Bands wie 31knots oder Uzi & Ari folgten. Gregor Samsa entsprachen mit ihrer Musik exakt den Vorstellungen von Hélio Camacho und seinen Mitstreitern; es ist das typische Beispiel für „Gesucht und gefunden“.

Dass das Label, heute neben Hélio Camacho von Valentin Sanchez und Emile Hengen geleitet, seine Bands nach dem Prinzip auswählt, dass jedes Release auf Own Records etwas besonderes sein soll, passt perfekt ins Bild der musikalischen Goldschürfer. Jeder ist mit dem Herzen dabei; „wir können nur Musik veröffentlichen, mit der wir uns total identifizieren; in die wir uns förmlich verlieben – auch wenn das zugegeben nicht oft passiert“, gesteht Hélio Camacho. Wenn es doch passiert, bringt Own Records es heraus. Dabei ist nicht nur die musikalisch richtige Wellenlänge wichtig. Auch menschlich muss es stimmen. Ein Grund, warum Own Records nicht in den Himmel wachsen soll. Gegenüber großen Labels, wo oft die Kommunikation verloren geht, pflegen die Own-Macher die Kontakte zu ihren Künstlern, nehmen sich Zeit; man geht aufeinander ein. Ein Akt der Interaktion, des gegenseitigen Respekts, und, wie Hélio Camacho sagt, auch eine Notwendigkeit. Das richtige Label zu finden ist schließlich, trotz Internet und allen digitalen Distributionen, eine enorm wichtige Sache. Es geht hier immerhin nicht darum, einfach nur CDs zu veröffentlichen, sondern diese auch dem richtigen Publikum anzubieten. Dazu gehören eben Soundgourmets auch Freunde eines qualitativ unschlagbaren Gesamtkonzeptes, die sich auch über die fein designten Digipacks aus dem Hause Own Records freuen dürfen. Daraus wird eine regelrechte Kette des gegenseitigen Vertrauens, von Band über Label zum Hörer. Ein Vertrauen, das belohnt wird. Nach den fünf Releases des Jahres 2009 – es folgen noch weitere zwei – gibt es so gar nichts, was dagegen spricht, für Own-Records-Platten zur Blindanschaffung zu raten. Die Liebe zum Detail, die Hingabe und die Mühe, ist in jedem Ton herauszuhören; egal von welcher Band; egal in welchem Stil. Auch ein Geheimnis von Own Records, sagt Hélio Camacho. „Wir möchten stilistisch nicht auf der Stelle treten, uns offen präsentieren – und doch sollen unsere Releases auch den Own-Stempel tragen“. Ein Unterfangen, das gelingt; das zu bewerkstelligen oft Jahre dauert. Bei allen 2009er Veröffentlichungen, besonders hervorzuheben vielleicht noch die der Trouble Books und von Talons, ist diese Philosophie der Nähe förmlich greifbar. Ein Gefühl der Verstandenheit, gefasst in Musik. Und das ist eigentlich unbezahlbar.

Was war:

Zu den herausragenden Bands auf Own Records zählen natürlich Gregor Samsa, nicht nur, weil sie dazu beitrugen, das Label in den Fokus zu hieven. Auch musikalisch spielen sie in einer eigenen Liga, zwischen atmosphärischem Postrock und bildschönen Klangcollagen geht einiges; Christian Steinbrink bezeichnete das Album "Rest" im vergangenen Jahr als ein "kaum angemessen zu beschreibendes Meisterwerk". Brillanten Pop bieten die 31 Knots, soundtechnisch irgendwo zwischen Sonic Youth und Modest Mouse, très charmant. Hier liegt der letzte Release leider schon einige Jahre zurück; "Talk Like Blood" erschien bereits 2005. Die elektronischen Vorlieben des Labels präsentieren beispielsweise Uzi & Ari mit dem Mastermind Ben Shepard, die wundervolle Melodien in ein Gewand aus Elektronik und Indiepop kleiden. Highly recommended: das Album "Headworms" aus dem vergangenen Herbst. Feinsten Frickelfolk bietet hingegen Daniel Bürkner alias Squares On Both Sides; zurückgezogen und innig. Das Album "Indication" zählt zweifelsfrei zum besten, was 2009 an Songwriterkost zu bieten hatte. Gleiches gilt für das Debüt der Trouble Books, die mit ihren "United Colors" die Brücke von Bon Iver und den Fleet Foxes zu Sigur Rós bauen und damit den Folk mit dem Postrock vermählen. Rein folkig geht es bei Talons (siehe Plattencover) zu, die auf "Songs For Babes" eine herrlich spärlich instrumentierte Verbeugung vor den Frauen dieser und ihrer eigenen Welt vollführten. Die gute Mischung zwischen Folk und Indiepop schafften zuletzt die Firekites mit enorm charmanten Melodien und Soundkonstrukten zum Niederknien.

Was kommt:

Das nächste Release aus dem Hause Own Records steht bereits ins Haus. Mit Michael Cottone alias The Green Kingdom und der Platte "Twig & Twine" (VÖ: 13.11.09) steht wieder die Liebe zu warmer und herrlich atmosphärischer Elektronik im Vordergrund. Die ersten Höreindrücke bestechen mit weitläufigen Soundscapes und heimeligem Knistern, einer leichten Gitarre und kleinen Glockenspielen; es wird also wieder ein Album mit klarem Own-Stempel sein, das doch ganz anders ist, als all das, was wir von dem Label in diesem Jahr sonst so gehört haben. Die Review zur Platte werdet ihr in wenigen Tagen hier bei Nillson finden; was sonst so war lohnt sich definitiv, zu entdecken.

Text: Kristof Beuthner

Links zum Thema:
Own Records vernetzt
Rezension zu "Rest" von Gregor Samsa
Rezension zu "Indication" von Squares On Both Sides
Rezension zu "The United Colors Of Trouble Books" von Trouble Books
Rezension zu "Escaping Mankind" von der Charge Group
Rezension zu "Songs For Babes" von Talons
Rezension zu "The Bowery" von Firekites
Hörproben von The Green Kingdom bei Myspace


Datum: 04.11.2009, 13:29 Uhr

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