Um 6 im Buchladen - Interview mit Tegan & Sara

Köln, Gloria, März 08. Wir treffen Sara am frühen Nachmittag backstage im Kölner Gloria. Eigentlich sollten die Interviews in dem im vorderen Bereich des Glorias gelegenen Café stattfinden, aber es ist zu viel los und zu laut. Draußen wartet wohl auch schon eine kleine Fanschar. Sara setzt sich in einen leicht schäbig aussehenden Liegestuhl mit den Worten „I take the ridiculous chair“ und überlässt uns die normalen, nicht diskreditierenden Sitzgelegenheiten in dem kleinen schlauchigen Raum. Überhaupt ist Sara eine ausgesprochen höfliche, freundliche und angenehme Gesprächspartnerin. Lest selbst.




Ihr habt bereits vor einem halben Jahr in Deutschland gespielt. „The Con“ wird ja hier erst jetzt, sieben Monate später, veröffentlicht. Wie ist es denn, wieder hier zu sein?

Es ist schön. Aber es ist auch hart, die vielen verschiedenen Erwartungen von Label, Manager, Agent zu erfüllen und eigene Wünsche nicht ganz zu vernachlässigen. Aber wir lieben es, hierher zu kommen. Wir wären auch gekommen, wenn das Label das Album gar nicht mehr hätte rausbringen wollen. Das ist auch der Grund, warum wir im Sommer da waren. Weil wir wussten, dass es Leute gibt, die uns sehen möchten.

Das Konzert damals war ja auch ausverkauft, so wie dieses heute. Ist es irgendwie anders, in Europa zu touren als in den USA oder Kanada?

Es ist wirklich hart. (lacht) Es ist härter. Alles ist kleiner und enger, wir spielen in Clubs wie diesem…

Spielst Du lieber vor einem größeren Publikum?

Meine bevorzugte Größe sind 500 Leute. Man kann jeden sehen. Wenn es größer wird, fühle ich mich irgendwie… abgekoppelt, nicht mehr verbunden. Deshalb mag ich kleinere Venues, obwohl es dort dann nicht immer so komfortabel ist. Es gibt halt Vor- und Nachteile. Also - obwohl ich gerne kleinere Shows spiele, ist es nicht so einfach. Ich spiele überall gerne, aber aus irgendwelchen Gründen ist es so, dass ich nach 3 Wochen Europa viel fertiger und müder bin als nach 4 Monaten Tour woanders. Und wenn wir andere kanadische oder amerikanische Bands treffen und mit denen über Europa sprechen, sagen sie alle genau dasselbe.

Also würdest Du nicht unbedingt Urlaub in Europa machen?

Ich bin mir nicht sicher. (lacht) Nein, das wäre bestimmt toll! Ich war im Januar eine Weile hier in Köln und in Hamburg, wegen Presseterminen und Treffen mit dem Label. Es ist nicht so, dass ich es nicht mag. Ich liebe Italien, Frankreich, Spanien… Aber hier zu arbeiten ist wirklich schwierig. In Amerika, Australien, Japan ist alles irgendwie größer und offener, man hat mehr Platz auf den Straßen, vor den Hotels sind riesige Parkplätze. Hier versucht man irgendwie, seinen Koffer die verdammte enge Treppe hochzuwuchten und denkt sich: „Aaahhhh!“ Als wir unser Album zusammen mit Chris Walla von Death Cab for Cutie aufnahmen, sprachen wir dauernd über Europa. Death Cab touren selten in Europa. Und da es Thema bei uns war, fragten wir ihn: „Was ist denn mit euch? Ihr geht doch auch nicht dort auf Tour!“ Und er sagte nur: „Es ist einfach hart, in Europa zu touren.“ (Vielleicht heißt das neue Death Cab-Album ja deswegen „Narrow Stairs“, Anm. d. Verf. ) Außerdem ist es auch unheimlich teuer. In Amerika muss uns niemand Geld für eine Tour geben, wir machen genug Geld so, um zu überleben. Aber hier brauchen wir Sponsoren.

Gibt es etwas, dass Du am Touren hasst?

Ich würde nicht sagen, dass ich etwas hasse. Ich liebe es, live zu spielen! Aber das Live-Spielen macht nur eine Stunde des Tages aus und die anderen 23 Stunden… bestehen aus warten. Wir sind 14 Leute, alles ist unordentlich. Heute gibt es eine Dusche, also eine Dusche für 14 Leute, plus unseren Fahrer. Zu Hause wohne ich seit 10 Jahren allein. Ich hatte nie einen Mitbewohner, ich habe nie ein Zimmer mit Tegan geteilt, wir hatten auch immer ein eigenes Badezimmer. Ich habe mit Personen gemeinsam gelebt, mit denen ich zusammen war, aber ich hatte immer meinen eigenen Raum. Es ist ätzend, mit 14 Leuten auf Tour zu sein und überall ist der Kram von den ganzen Leuten, alle sind dreckig usw. Das ist der anstrengende Teil des Tourens. Wenn man immer so lebt, dann ist es okay. Aber wenn man so lebt wie ich es zu Hause tue und man dann auf Tour geht, musst Du einen Schalter im Kopf umlegen. Es gibt Momente, in denen ich denke: „Was mache ich hier? Ich bin 27 und ich lebe mit 13 Erwachsenen. In einem Bus. Und wir teilen eine Dusche!“ Nach ein paar Wochen denke ich: „Warum?“ Aber ich weiß ja warum. Du tust es, weil die eine Stunde, die Du spielst, dich denken lässt: „Okay, deshalb“. Das lädt dich wieder auf.

Ja, das ist ja für Konzertgänger auch so. Gerade bei sehr großen Veranstaltungen. Man wartet, es ist eng und gibt Gedrängel. Aber man vergisst es für ein tolles Konzert.

Ich denke auch über diese Perspektive nach. Wir haben in Nordamerika viel ohne Support-Band getourt. Doors Open war um 19 Uhr und um 19:45 standen wir auf der Bühne. Und ich hatte das Gefühl, dass diese Shows über mehr Energie verfügten. Die Leute kamen, waren gespannt und bekamen das zu sehen, das sie sehen wollten. Da gab es nicht diese ganze Warterei. Und hier in Europa machen wir es anders, weil die Clubs und Bars das so wollen. Sie wollen, dass die Leute kommen und möglichst viel trinken, um daran zu verdienen. Und wenn wir dann auf die Bühne kommen, hat das Publikum schon so lange gewartet, die Leute sind ruhelos und betrunken. Ich hasse dieses Vorgehen. Ich würde viel lieber um 18 Uhr in einem Buchladen auftreten. Oder in Plattenläden. Das haben wir in Amerika ganz oft gemacht. Ich spiele nicht in einer Band wegen der tollen Bühnenbeleuchtung und dem Alkohol und all das. Das ist nur die Art und Weise, wie es eben läuft. Das hasse ich. Aber ich liebe es, Musik zu spielen! Und so lange man nicht in einer bestimmten Position ist, kann man es nicht ändern. Buchläden können es sich normalerweise nicht leisten, eine Tour zu bezahlen. Verstehst Du, was ich meine? Wir müssen es so machen, um das nächste Level zu erreichen. Es ist schwer.



Musik Musik Musik – und snowshoeing


Haben Du und Tegan eine Art Ritual, etwas, dass ihr tut, um zu feiern, wenn ein neues Album fertig ist?

Normalerweise ist man deprimiert. Der Prozess ist sehr zehrend und dann ist das Album fertig und Du fühlst Dich wie… (seufzt). Bei diesem Album hatten wir nach der Fertigstellung 3 Monate frei. Ich bin nach New Orleans gefahren, Tegan hat auch Urlaub gemacht. Es ist wirklich sehr anstrengend. Wie, wenn man von einer Tour zurück kommt oder aus einem Zeltlager. Du vermisst all das, was Du gerade erlebt hast, aber auf der anderen Seite bist du auch total durch damit.

Ich sehe schon, ihr zelebriert das also eher nicht?

Normalerweise ist es so, dass man das Album erstmal eine Weile beiseite legt, wenn es dann fertig ist. Nach ein paar Monaten dann, kurz vor Release des Albums, werde ich aber langsam wieder aufgeregt.

Hast Du einen Lieblingssong auf „The Con“?

Nicht unbedingt einen Lieblingssong, aber das Stück, das ich sehr gerne spiele, ist „Dark Come Soon“. Von seiner Dynamik her macht es einfach großen Spaß, es mit der Band zu spielen. Ich bin stolz auf das Album, ich mag es wirklich. Aber wenn ein Album einmal fertig ist, höre ich es mir nicht mehr an und ich höre mir auch dieses Album nicht an.

Gibt es Alben von euch, bei denen du denkst: „Oh mein Gott, was haben wir da gemacht?“

Ja. Nicht bei „So Jealous“, das mag ich auch wirklich. Auch „If It Was You“ mochte ich damals, als wir es machten, es hat sich nach einem richtig coolen Album angefühlt, aber heute denke ich… Ich meine, es ist klar, dass man sich weiterentwickelt. Ich bin erst 27 und mache Alben, seit ich 18 bin. Man verändert sich einfach so sehr. Selbst die Demos, die wir gerade für unser nächstes Album aufnehmen, klingen schon wieder vollkommen anders! Es ist also normal. Die Songs für „The Con“ sind schon zwei Jahre alt. Ich bin also zwei Jahre älter und schaue auf die Songs wie auf eine alte Frisur, bei der man denkt: „Warum habe ich das nochmal gemacht?“

Werdet ihr weiter mit Chris Walla zusammenarbeiten?

Ja, ich denke schon. Wir sprechen gerade mit ihm darüber. Er stellt im Augenblick gerade das neue Death Cab-Album fertig. Er hat uns seine Timeline gegeben und wir peilen nächsten Sommer oder Herbst an.

Kanntet ihr ihn schon vorher persönlich?

Nein. Es begann damit, dass wir mit John Vanderslice sprachen. Er hat ein Studio in San Francisco namens Tiny Telephone, in das wir gerne wollten. Als wir mit ihm sprachen, sagte er zu uns, dass wir doch mal darüber nachdenken sollten, mit Chris Walla zu arbeiten. Ich wusste natürlich, wer Chris Walla ist und was er macht und so dachten wir: „Okay, treffen wir ihn mal.“ Nach 5 Minute war mir klar: Ich will mit ihm arbeiten! Er ist sehr entspannt und angenehm, wirklich lieb. In der letzten Zeit trinken Tegan und ich nicht wirklich viel Alkohol, wir sind nicht sehr auf Party aus. Ich mag es, morgens früh aufzustehen und von 10 Uhr morgens bis abends um 6 zu arbeiten. Ich bin sehr strukturiert, was das angeht. Und Chris war diesbezüglich genauso. Er ist nicht so wie andere Produzenten, mit denen wir gearbeitet haben, die Jack Daniels trinken und die ganze Nacht wach sind. Das klingt sehr klischeehaft, aber so ist es wirklich. So arbeiten die meisten. Man geht um 4 Uhr nachmittags ins Studio und ist dort bis 3 Uhr nachts. Und mit Chris haben wir jeden Morgen um 10 begonnen, haben gefrühstückt, in seinem Keller rumgehangen, aufgenommen, wir haben Spaziergänge gemacht, zu Abend gegessen und sind nach Hause gegangen. Wir hatten dieselben Ansichten über den Arbeitsablauf und eine gesunde Lebensweise. Und ich mochte es sehr, dass er Tegan und mir so viel Kontrolle gab. Er hielt unsere Ideen für gut, und wir konnten einfach tun, was wir wollten. Ich habe es sehr genossen, mit ihm zu arbeiten. Und mit Jason McGerr, dem Schlagzeuger von Death Cab for Cutie, war die Zusammenarbeit so einfach wie ich es noch nie mit einem Musiker erlebt habe! Wirklich, von allen Leuten, mit denen ich je zusammengearbeitet habe, war es mit ihm am einfachsten! Er ist großartig! So nett, wie ein großer Bruder.

Was machst Du, wenn Du nicht Musik machst?

Es gibt darüber diesen ständigen Witz bei uns. Das, was Du tust, wenn Du keine Musik machst, ist „repairing your life“. Du kommst nach Hause, nimmst den Kontakt zu deinen Freunden wieder auf, gießt die Blumen… Dieses Album hat mir gezeigt, dass ich ausgewogener sein möchte. Ich habe nichts außer Musik in meinem Leben, es ist alles, was mich interessiert, alles woran ich denke. Und dieses Mal habe ich gedacht: vielleicht möchte ich mal ein Buch schreiben oder kochen lernen oder meinen Führerschein machen. Es ist so, dass ich plötzlich realisiert habe, dass ich seit 10 Jahren dieser Art zu leben und dieser Karriere verschrieben bin. Ich versuche, es mehr auszubalancieren. Ich liebe lesen. Das ist das, was ich am meisten tue, wenn ich zu Hause bin. Dann bin ich wie ein Einsiedler, ich bin alleine und lese. In letzter Zeit stehe ich außerdem total auf „snowshoing“. Kennt ihr das? Man schnallt sich diese Dinger unter die Schuhe und wandert im Schnee. Wir haben einen kleinen Club in Montreal, wie sind zu sechst, fahren aus der Stadt raus und wandern in den Bergen.

Wie hat denn eigentlich eure Bandbesetzung zusammengefunden?

Mit den Jungs, mit denen wir jetzt zusammenspielen, war es so: Ted, der Gitarre für uns spielt, haben wir einfach über Freunde gefunden, die wussten, dass wir jemanden suchen für E-Gitarre und Keyboard. Und sie sagten uns dann: „Ah, wir kennen da diesen wirklich netten Jungen.“ Also lernten wir ihn kennen und liebten ihn auf Anhieb. Wir hatten zu der Zeit eigentlich eine andere Band, mit der wir spielten. Wir trennten uns von ihnen und dann sagte Ted wiederum: „Ich kenne da zwei nette Jungs…“ Also, die 3 Jungs in unserer Band sind zusammen aufgewachsen! Sie kommen alle aus einer Stadt namens Victoria in British Columbia, Canada. Victoria ist eine sehr kleine Stadt, etwa 300.000 Einwohner. Und sie alle sind zusammen aufgewachsen, unser Soundmann und unsere Manager kommen auch aus Victoria! Deshalb gibt es diesen Witz darüber, dass die Stadt Victoria Tegan und mir besondere Anerkennung zuteil werden lassen sollte, weil wir so viele ihrer Bürger eingestellt haben!

Ich habe euch vor einem halben Jahr im Stadtgarten gesehen, und man merkt der Band diese familiäre Vertrautheit an.

Ja. Obwohl die Band zwar Tegan und Sara heißt und alle anderen angestellt sind, ist es trotzdem so, dass wir alle als Gruppe hinter dem Projekt stehen. Und obwohl Tegan und ich alle Entscheidungen treffen, ist es trotzdem nicht so, als wären die anderen nur irgendwie Anhängsel. Vor allem Ted, denn er spielt ja auch mit auf dem Album. Sie schreiben nicht an den Songs mit, gar nicht, aber wenn man live zusammen spielt, gestalten sie die Art der Songs schon mit. Der Drummer variiert zum Beispiel den Rhythmus etwas, so wie es sich für ihn gut anfühlt. Und das ist soweit okay für mich, aber am eigentlichen Schreibprozess der Songs sind sie nicht beteiligt.

Tegan und Du, ihr habt noch nie einen Song zusammen geschrieben.

Ich kann Songs nur allein schreiben, das bezieht sich nicht nur auf Tegan. Die Leute sagen immer. „Ja ihr könnt nicht zusammen schreiben, weil ihr euch dann streitet.“ Aber ich kann mit niemanden zusammen schreiben. Es kann sein, dass ich mich beim Schreiben für 10 Stunden in meinen Raum zurückziehe. Ich komponiere, singe, schreibe Texte. Wenn dann jemand reinkommt, zerstört das meine Konzentration, es bringt mich raus. Das geht nicht. Aber vor kurzem habe ich ein großes Instrumentalstück arrangiert und es Tegan geschickt. Und sie schrieb dann Text und Melodie. Das ist das allererste Mal, dass wir so gearbeitet haben.

Welche Recording-Software nutzt ihr?

Fast ausschließlich Pro Tools. Ich habe auch ein bisschen mit Garage Band und Reason aufgenommen, aber das richtige Aufnehmen und Bearbeiten mache ich mit Pro Tools.

Gibt es in deinen Augen starke Unterschiede zwischen deinen Song und denen von Tegan?

Ja, ich denke schon. Aber es ist ein bisschen so wie mit unserem Aussehen. Manche Leute sehen uns das erste Mal und wissen sofort, wer wer ist, andere können uns nicht auseinanderhalten. Und so ist es mit den Songs. Wenn man wirklich hinhört, kann man es heraushören, aber die Unterschiede sind fein, das gebe ich zu. Trotzdem, wenn wir mit mehreren das Album hören, denke ich bei meinen Liedern schon: „Ist das jetzt nicht total klar, dass der von mir ist, das ist doch so offensichtlich.“ Aber klar, das bin ja ich. Wenn ich in den Spiegel sehe, sehe ich mich, nicht Tegan. Ich sehe nicht ein Gesicht, das Tegans ähnlich ist, ich sehe mich. Und wenn ich meine/unsere Songs höre, kann ich mich ja kaum in das hineinversetzen, was andere hören.

Wie schreibst Du Deine Songs? Was kommt zuerst, Texte oder Musik?

Zuerst gibt es immer die Musik, niemals zuerst Worte. Ansonsten variiert es, manchmal kommt die Gitarre zuerst, in letzter Zeit entsteht viel auf dem Keyboard oder Bass, da ich in letzter Zeit viel Bass gespielt habe. Und ich schreibe immer zuerst den Refrain, also den Hook. Und wenn mir kein guter Hook einfällt, lasse ich es.

Passiert es Dir manchmal, dass Du mit einer Idee beginnst, die Dir erst sehr gut gefällt, und dass Du dann, je mehr Du daran arbeitest, das Gefühl hast, sie zu ruinieren?

Ja ständig. (lacht) Das ist der Punkt, an dem ich oft denke, dass es wirklich gut ist, nicht alleine zu arbeiten. Selbst wenn ich weiß, dass ein Song zu schlecht ist, um es aufs Album zu schaffen, will Tegan ihn trotzdem hören. Und jetzt bin ich zwar Single, aber wenn ich in einer Partnerschaft war, hatte ich das Gefühl, dass die Person, mit der ich zusammen bin, alles mögen wird, was ich mache. So hat man nie das Gefühl, dass es umsonst ist. Wenn ich ein Stück fertig habe, schicke ich es an Tegan und zeige es vielleicht meiner Freundin. Wenn ich es ihnen zeigen kann und sie es wertschätzen, dann bewahrt mich das vor dem Gefühl, dass es reine Zeitverschwendung und umsonst war. Vielleicht ist es dann kein Song für die große Öffentlichkeit, aber das ist dann auch vollkommen okay für mich.



Das Wort mit „L“


Du und Tegan hattet einen Gastauftritt in der TV-Serie „The L-Word“. Wie war das so und was hältst Du von dieser Serie an sich?

Als „The L-Word“ startete, gab es einen großen Diskurs darüber, ob die Darstellung denn realistisch sei, wen es repräsentiert und wen es ausschließt. Und meine Freunde und ich kamen zu der Frage: Warum muss es unbedingt realistisch sein? Wenn man sich Melrose Place oder andere Soap Operas ansieht… niemand lebt so und sieht so aus! Oder die Apartments, in denen Leute in Fernsehsendungen wohnen - niemand lebt so. Es ist nicht echt. L-Word war spannend für uns, denn da gab es nun eine Sendung mit lesbischen Frauen in den Hauptrollen, die über relevante Themen sprechen, mehr oder weniger jedenfalls. Ich meine, es spielt in L.A., das ist natürlich nicht das wahre Leben dort. Ich lebe nicht so. Aber ehrlich gesagt: Unsere Leben wären auch nicht interessant fürs Fernsehen. Warum sollte sich das jemand ansehen? Das heißt, fürs Fernsehen muss es interessant gemacht werden.

Was für eine Rolle habt ihr denn gespielt?

Wir waren Teil einer Szene, in der ein paar der Figuren in einer Bar sind. Und wir sind die Band in dieser Bar, also mehr so das Hintergrund-Ding. Aber es war wirklich nett, eine coole Erfahrung. Ich habe auch nur die ersten zwei Staffeln gesehen, ich habe keinen Fernsehen oder so. Aber es ist eine coole Sendung. Und ich halte es auch für wichtig. Wenn ich mich daran erinnere, wie es war, als ich Teenager war und aufwuchs, da gab es nichts Schwules zu sehen im Fernsehen. Es gab alternative Filme, die man irgendwo anschauen konnte, aber es gab keine homosexuellen Menschen, keine Filme mit schwulen Inhalten im regulären TV. Wir reden hier ja über die Zeit, bevor es Internet gab, 1995/96. Ich hatte keine Ahnung, ob es im Musikbusiness jemanden gibt, der homosexuell ist. Ich wusste vage, dass Ani DiFranco bisexuell ist und von Kathleen Hannah von Bikini Kill, jetzt Le Tigre, dass sie sich selbst als „queer allie“ bezeichnete. Das war’s. Heute kann man alles über jeden herausfinden und es existiert viel mehr Präsenz und Sichtbarkeit der queeren Community. Und nicht nur für die Leute, die sich selbst als queer definieren, sondern auch für solche, die sich für queere Inhalte interessieren, für Homosexualität oder Künstler die selber hetero sind, aber ein homosexuelles Publikum haben. Es gibt so viel mehr Möglichkeiten als noch vor 10 Jahren, als ich ein Teenager war. Es ist wichtig, diese Sichtbarkeit zu haben, auch die physische, es ist wichtig, im Auge der Öffentlichkeit stattzufinden. Es gibt noch Millionen Leute, die das sehen und hören müssen. Auch Heterosexuelle. Ich habe hauptsächlich männliche Freunde, und zwar heterosexuelle Männer. Und ich sagen ihnen immer wieder, dass sie als heterosexuelle Typen so viel Macht haben und dass es so wichtig ist, dass sie darüber sprechen, was sie fühlen. Wenn sie äußern, was sie über die schwule Community und die Rechte für Homosexuelle denken, hat das so viel mehr Gewicht, als wenn ich es tue. Was ich über diese Themen denke, ist klar, aber es hat so viel Kraft, wenn sie es äußern. Also pushe ich sie in diese Richtung, darüber zu sprechen. Und zwar nicht erst wenn Leute in ihrem Beisein Abfälliges über mich und Tegan sagen à la „Ja, ja, sie sind doch Dykes…“, und meine Freunde darauf antworten, dass das unsere Gefühle verletzen würde. Nein, ich sage meinen Freunden, dass sie von sich selbst sprechen sollen. Sie sollen sagen, dass es ihre Gefühle verletzt. Sie sollen sagen: „Sprich nicht so mit mir. Ich halte es nicht für richtig.“ Ich sagen Ihnen, dass es mehr Kraft hat, wenn die Leute, die so etwas sagen, merken, dass sie so sie angreifen. Wenn sie damit Probleme hätten, Tegan und mich zu verletzten, würden sie diese Sachen ja gar nicht erst sagen. Aber ich denke, die Zeiten haben sich zum positiven verändert. Wenn ich mir das, was wir heute sind und tun, vor 10 Jahren vorstelle – es wäre so viel härter.



Emy – Time for visual translation


Eine ganz andere Frage. Wer hat eigentliche das tolle Artwork der neuen Platte gestaltet, diese Zeichnungen von Dir und Tegan?

Die Künstlerin heißt Emily Storey, wir waren 5 Jahre ein Paar. Als wir uns kennenlernten, war sie auf der Kunstschule. Sie war ein Fan von uns, aber hat unsere visuelle Darstellung sehr kritisch betrachtet. Sie war dann wirklich in alles involviert, Bühnenauftritte, Merchandise, das Artwork und unsere Webseite, alles. Sie hat all das gestaltet.

Ist das dieselbe Emy, die in einem der Texte auf The Con auftaucht? Es wird nur ein Mal in den Lyrics ein Name genannt.

Ja, Emy, damit ist sie gemeint. Wir hatten eine wirklich tolle, kollaborative Beziehung. Ich bin keine visuell gestaltende Künstlerin. Deshalb brauchte ich jemanden, der das, was ich meine, umsetzt. Und genau das kann Emy, sie ist so eine coole Künstlerin. Jetzt macht sie die ganzen neuen Sachen für Death Cab for Cutie. Ich bin so stolz auf sie und freue mich so sehr. Sie ist so gut. Als wie The Con machten, waren wir noch ein Paar und wohnten zusammen in Portland. Und was ich so toll daran finde, mit anderen Künstlern wie Death Cab oder Emy zusammenzuarbeiten, ist, dass es eigentlich die ganze Zeit um diese Themen geht. Man arbeitet dauernd daran, spricht darüber, „was bedeutet dieses, was drückt jenes aus, was ist das Konzept, was wäre die visuelle Entsprechung?“ Es ist auch irgendwie nervtötend, aber ich liebe es. Diese Künstler denken die ganze Zeit über Konzepte und Visualisierung nach, darüber, wie man Inhalte übersetzen kann. Als Emy und ich zusammenwohnten war es so, dass sie mitten in der Nacht mit 2 Bildern zu mir kam und mich fragte: „Welches soll ich nehmen?“ Sie war die ganze Zeit mit diesen Dingen zugange. Was aber toll war. Denn ich denke die ganze Zeit an Musik. Man versteht sich also. Und ich habe gelernt, wie man diese Dinge, die Inhalte der Musik und deren visuelle Übersetzung zusammenbringen kann. Das war die wirklich große Lehre der letzten 5 Jahre arbeiten und leben mit Emy. Und ich habe gelernt, dass ich, obwohl ich mich nicht als visuell denkende Person sehe, doch eine bin. Ich wusste vorher nur nicht wie ich das, was ich mir vorstelle, visuell umsetzen kann. Und jetzt habe ich das Gefühl, dass ich es kann. Tegan hat zum Beispiel gar keine Geduld für diese visuellen Angelegenheiten. Wenn mir Emy 10 Entwürfe schickt, dann denke ich: „Das ist toll, aber das auch und das und das…“ Dann gehe ich damit zu Tegan und sie sagt: „Keine Ahnung, hm…das hier.“, aber sie schaut nicht mal richtig hin!



Familie


Wie stehen eure Eltern zu eurer Karriere? Haben Sie sich, besonders zu Beginn, Sorgen gemacht?

Ja, sie waren nicht sehr glücklich darüber. Vor allem meine Mutter. Sie hat erst letztens zugegeben, dass sie sich für uns gewünscht hatte, dass wir es leichter haben würden als sie. Sie ist damals mit Ende 20 als alleinerziehende Mutter nochmal auf die Uni gegangen. Sie macht sich Sorgen über unsere vielen Reisen. Sie selbst ist nie weiter als ein paar Blocks von ihren Eltern weggezogen. Sie hat sich auch einfach für sich selbst gewünscht, dass wir in ihrer Nähe wohnen bleiben, zur Schule gehen, Familie haben. Und dann zogen wir nach Vancouver und jetzt bin ich nach Montreal gezogen. Sie selbst lebte in Calgary und wir reisten um die ganze Welt. Sie fand es schrecklich. Aber meine Mutter und auch mein Vater und genauso meine Stiefeltern, in unserer Familie sind irgendwie alle hunderte Male geschieden, also alle, meine Onkels und Cousinen, alle sind wirklich stolz auf uns und freuen sich für uns. Aber da sie es seit 10 Jahre miterleben, sehen sie auch mehr als jeder andere, wie schwer es für uns ist. Man existiert wie hinter Glas in einem Aquarium und jeder rät Dir etwas, kritisiert Dich. Es wir über dich geredet, es werden Fotos gemacht, immer will jemand etwas von einem. Manchmal ist es nur eine kleine Sache wie ein Autogramm, aber manchmal sind es eben auch andere Dinge. Man wird irgendwie dauernd in alle Richtungen gezerrt und besonders jetzt, da wir erfolgreicher werden, sagen unsere Eltern und Verwandten immer zu uns: „Es ist kein Problem, wenn Du das nicht mehr machen möchtest.“ Sie merken, dass es ab einem gewissen Punkt wichtiger ist, glücklich zu sein als erfolgreich. Mit zunehmendem Erfolg machen Sie sich Sorgen darüber, dass wir müde, erschöpft und ausgebrannt sein könnten. Sie möchten, dass wir glücklich sind. Sie sind stolz auf das, was wir tun, aber sie wären genauso glücklich, wenn wir es nicht täten.

Mögen Sie eure Musik?

Ja, sie lieben sie und sind stolz. Unsere Eltern haben ein Musikinteresse, das die meisten Eltern um die 50 wahrscheinlich nicht haben. Sie kennen sich gut aus. Meine Mutter weiß absolut, was geht, sie arbeitet mit Teenagern und kennst sich besser aus als sich. Manchmal sagt sie so Sachen wie: „Hast Du von diesem neuen HipHop-Typ gehört, der das und das macht?“ Und ich habe keine Ahnung. Sie sind wirklich cool.



Record labels and nice dogs


Habt ihr mal daran gedacht, andere Bands zu unterstützen, vielleicht ein eigenes Label zu gründen?

Ich werde niemals mein eigenes Label haben. Und wenn doch, bezahle ich Dir einen Flug um die ganze Welt, damit Du mir in den Hintern treten kannst. Ich glaube nicht, dass Labels funktionieren. Ich vertraue dieser Infrastruktur nicht mehr. Natürlich kennen Tegan und ich aber eine Menge Bands und sind nicht dumm, wir haben mittlerweile eine Menge Erfahrung und ich versuche dauernd, anderen bei diesen Dingen zu helfen. Das ist wirklich eine unserer Hauptbeschäftigungen, wir hängen die ganze Zeit am Telefon und sagen Leuten, was sie am besten als nächstes tun. Tegan und ich können uns vorstellen, vielleicht in Dinge involviert zu sein, die das Management betreffen, etwas, das mit dem Konzept der Karriere von anderen zu tun hat. Aber in Bezug auf das, wofür ein Record-Label steht – kein Interesse. Das eigentliche Produkt, die CD, entwickelt sich sonstwohin und ich glaube nicht daran, dass die Leute wirklich noch welche wollen. Ich will eine. Ich will CDs machen, die ich den Leuten geben kann, aber ich habe das Gefühl, dass der Konsument entschieden hat, dass das nicht mehr wichtig ist. Also, „fuck it, fuck record labels“. Ich glaube nicht, dass wir gar keine CDs mehr verkaufen werden, aber ich denke, es wird immer und immer weniger. Und davon kann man nicht leben.

Wir haben unsere Freunde von Northern State als Support mit auf Tour genommen, wir touren seit 4 Monaten zusammen. Und im Frühling nehmen wir in den USA eine andere befreundete Band aus Australien mit. Auf diese Art versuchen wir, andere Künstler zu unterstützen. Und ich denke, dass das der beste Weg ist. So war es auch bei uns. Ryan Adams, Ben Folds, Neil Young, The Killers waren alles Leute, denen wir aufgefallen sind, die uns herauspickten und uns halfen. Und so versuchen wir es auch ständig zu machen.

Trefft ihr Neil Young ab und zu?

Ja, ab und zu. Manchmal spielen wir Shows zusammen, er organisiert jedes Jahr eine Benefiz-Veranstaltung in San Francisco, dort sehen wir uns. Letztens sind wir uns in London über den Weg gelaufen. Aber, ich meine, er ist ein Dude, eine Ikone und älter als wir. Meistens sagt man also nur „Hey wie geht’s?“ und das war es. Aber das ist nett. Elliott Roberts, Neil Youngs Manger, ist derjenige, der Tegan und mich vor 9 Jahren gesignt hat. Der Kontakt zwischen Elliott und uns ist sehr gut. Sie haben so viel Erfahrung zusammen, Elliott und Neil Young. Unsere Manager sind jung, Freunde von uns, die uns seit 5 Jahren managen. Wir wissen zwar schon eine Menge, aber wann immer wir mal nicht mehr weiter wissen, können wir auf sie zurückgreifen. Dann rufe ich Elliott an und frage ihn persönlich: „Was sollen wir machen, A oder B? Was meinst Du?“ Er verfügt über 30 Jahre Erfahrung. Das ist wirklich eine nette kleine familiäre Gruppe da, alle von Neil Youngs Leuten sind furchtbar nett. Wirklich alle - die vom Licht, die für die Gitarren, die Leute vom Sound. Die sehen wir sehr oft und sie sind wirklich wunderbar. Die Art Menschen, die sich jedes Mal an dich erinnern und uns solche Sachen fragen wie: „Hey. Wie geht’s dir? Was hast du so gemacht? Spielst du immer noch auf dieser Gibson Modell XY?“ Von allen Leuten, die wir je getroffen haben, hat Neil Young die wundervollste Crew um sich. Ich meine, er ist eben Neil Young. Und auch seine Kinder sind nett, eine Tochter ist nur ein paar Jahre jünger als Tegan und ich, und dann hat er noch 2 Söhne, die auch richtig nett sind und seine Frau auch…

Und vielleicht ein paar Katzen und Hunde?

Ja, er hat ein paar tolle Hunde, alle seine Hunde sind wirklich nett!





Interview: Vanessa Romotzky und Catherine Scheitterlein

Text: Vanessa Romotzky

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Datum: 02.04.2008, 00:51 Uhr

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