Die Insektenhochzeit


Als die hübsche Frau vor dem Spiegel stand, ihr Kleid anprobierte und noch nicht bemerkte, wie ein unheimlicher schwarzer Schatten an ihren zarten Schultern empor kroch, dachte sie an den schönen Tag, den sie bald in diesem Kleid verbringen würde.
Es war noch eine Woche bis zur Hochzeit und schon seit einigen Nächten zog sie jedes Mal vor dem Schlafengehen die alte Kiste mit dem strahlend- weißen Kleid hervor, wie, um sicherzugehen, dass dies nicht alles nur ein Traum war. Meist hielt sie es kurz in den Händen und konnte dann nicht widerstehen, es noch einmal angezogen vor dem Spiegel zu betrachten. So auch diesen Abend.
Ihr Mann sollte es nicht vor der Trauung sehen, dachte sie, und wie sie so vor dem Spiegel stand, und Freude sich mit der Trauer über den Tod ihrer Mutter vermischte, fing sie an zu weinen, genau wie die Abende zuvor. Sie hielt fest an alten Werten, die sie ihre Mutter gelehrt hatte und bevor sie vor einigen Jahren verstarb, vererbte sie ihrer Tochter dieses Kleid, für das sie leider nie Verwendung fand.
Jetzt fühlte die Tochter sich verlassen und ein wenig einsam; ihren Mann hatte sie schon lange nicht mehr gesehen und von einer Dienstreise würde er erst einen Abend vor der Hochzeit zurückkehren. Es gab noch so viel vorzubereiten und diese Last bedrückte sie zusätzlich. Auch deshalb weinte sie.
Als die Frau das Kleid zurück in die Kiste packen wollte und es sorgfältig in ihren Händen faltete, bemerkte sie eine Spinne, die sich in der Kiste bisher unbemerkt ihr Netz spann. Sofort schreckte die Frau hoch und schnappte sich einen Kerzenständer um das Ungeziefer zu erledigen. Als sie zum Schlag ausholte war ihr, als würde der ferne Spinnenkörper um Gnade flehen, als würde er alles tun, um ein kümmerliches Leben in der Truhe, niedergedrückt von einem Hochzeitskleid, fortführen zu können. Dann schlug sie auf den Torso des nutzlosen Insekts, er zerplatzte, und zurück blieben nur ein schwarzer Fleck auf dem Boden der Kiste und ein Fetzen des Netzes.

Beunruhigt von der Spinne und in der Erinnerung an ihre verstorbene Mutter legte sie sich alsbald schlafen und verfiel in eine unruhige Träumerei:
Sie träumte, sie befände sie sich vor einer Kirche, am Tage ihrer Hochzeit, und als die schwere Holztür sich öffnete, erblickte sie die vielen Gäste, die anlässlich dieser Trauung gekommen waren. Schon oft hatte sie dieses Ereignis in Gedanken durchgespielt und auch schon einige Male davon geträumt, doch es war etwas anders; keiner der Gäste warf auch nur einen flüchtigen Blick auf die Braut, wie sie in ihrem weißen Kleid anmutig nach vorne stolzierte. Dabei wollte sie gar nicht stolzieren, als stünde sie neben sich, unfähig den eigenen Körper zu kontrollieren. Sie wurde sehr unruhig. Würde doch wenigstens Musik spielen, so dachte sie, dann könnte sie ihre Gedanken und die Apathie der Gäste überhören.
Endlich vorne angekommen, klammerte sie sich an ihren Mann und erhoffte sich, in seinen Armen gut aufgehoben zu sein. Er nahm ihr mit seinen dürren schwarzen Armen den Schleier vom Gesicht und zischte in einer Sprache die sie instinktiv verstand, da sie aus einem ihrer Albträume kommen musste:
Warum hast du mich getötet und das große Übel gewählt? Die ganze Zeit haben wir nebeneinander und durcheinander existiert; ich im Schutze deines weißen Kleides und erfundenen Geschichten, die du abends auftrugst, und du nur durch mich. Zwar war ich kein schöner Anblick, doch hättest du deine Angst überwinden und mich nicht sogleich töten sollen. Denn jetzt, wo mein Leben endet, können andere vom Tode auferstehen und ihre schrecklichen Taten vollbringen, vor denen ich dich bisher bewahrte. Dein Traum endet nun, du bist eingetaucht in eine neue Nacht und in einen Albtraum, der dir nichts als die brutale Wahrheit zeigt.
Dies zu hören hielt die Braut nicht aus, hatte sie doch schon beim Tod der Spinne etwas Derartiges zu denken vermocht und sah sich nur noch nicht in der Lage, dieses Gefühl auszusprechen. Nun konnte sie nur noch versuchen, der Wahrheit noch eine Weile zu entkommen und ihr erster Weg führte sie raus aus der Kirche. Alle Augen waren auf sie gerichtet als sie durch die Kapelle zurück zur massiven Tür ging. Auch setzte Musik ein, um etwas zu verdeutlichen, und die Erwartungen an die Braut waren nun sehr hoch. Schließlich war alles zur Insektenhochzeit vorbereitet und sie entfernte sich immer weiter vom Altar.
Blicke auf ihr weißes Kleid, Blicke auf die hervorblickenden Brüste aus dem Decolté, Blicke auf die zarten Beine, wie sie zum Ausgang nunmehr rannten und als sie ihren geschwächten Körper gegen die Tür warf um sie mühsam aufzuschieben, erwarteten sie draußen schon ein Volk von Reiswerfen. Doch statt Reis warfen sie mit Insekten, schwarzen Monstern, die schon tot waren, trotzdem aber ein unerträgliches Kribbeln auf der Haut verursachten und das weiße Kleid in eine schwarze Apokalypse verwandelten, als würden sie tausend Stecknadeln malträtieren…, da wachte sie Schweißgebadet im Bett auf. Sie suchte nach den Wunden an ihre Körper, doch die Schmerzen waren zu tief in ihr drinnen um nach außen sichtbar zu sein.

Einen Augenblick lang froh, dass es nur ein Traum gewesen war, erinnerte sie sich an ihre schreckliche Tat. Sie griff nach rechts, wo sich neben ihrem Bett ein Nachttisch befand, und knipste eine Lampe an. Dann bemerkte sie es wieder an ihren Fingern, das Kribbeln, sie Nadelstiche, die Dunkelheit, de sich unaufhaltsam in ihr ausbreitete. Sie stellte sie sich in Form von langen, wurmartigen Insekten vor, wie sie auf ihrer Hand krabbelten und eigentlich schon immer in der Nähe des Nachttisches unbemerkt von ihr gehaust hatten. Sie ernährten sich bisher von Fingernägeln, Hautschuppen und sonstigen toten Absonderungen des Körpers, doch in diesem Augenblick wollten sie mehr. Sie zischten einen Monolog, der sich nur im Unterbewusstsein der Frau abspielte:
Dachtest du, jetzt wo die Spinne tot ist, schlafen wir immer noch dann wenn du schläfst? Sie wollte die Insekten von ihren Fingern abwerfen und fuchtelte hektisch in der Luft herum, doch sie blieben wo sie waren. Mit dem Messer abschneiden, dachte sie, und wollte schon in die Küche. Wie automatisiert stieg sie aus dem Bett und griff nach der Truhe.
Zwar war es mitten in der Nacht, doch sie musste einfach wissen, ob es noch da war oder ob sie nun jeglichen Bezug zur Realität(?) verloren hatte. Das Blut an ihren Händen interessierte sie nicht weiter und so passierte es, dass kleine rote Spritzer ihr Kleid verzierten. Sie sog es hastig aus der Kiste und wickelte es um ihren nackten Körper; alles sollte so wie früher sein…ihr Mann, die Mutter… sogar die Spinne wünschte sie sich nun hierher.
Im Spiegel zerfiel ihr Kleid zu Staub, da es aus dünnen Spinnenfäden gewebt war und kein Schneider mehr da war, der es instand halten konnte. An ihrem Körper krabbelte es, und als sie mit der Hand nach den Wunden schlug, kroch der Schatten gerade über ihren Körper. Es war ein riesiger Käfer, der sich ausbreitete wie ein schwarzes Loch, und er kam, um sie zu zerfressen.


Datum: 15.10.2005, 00:26 Uhr

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